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Fichte und Tanne

Wenn man von Tannenholz spricht, so scheidet man selten säuberlich die beiden bei uns vorkommenden Tannenarten: die Rottanne oder Fichte und die Weisstanne oder Edeltanne. In Wirklichkeit haben wir es mit zwei Baumarten zu tun, deren äussere Gestalt und das Holz sich zum Verwechseln gleichen, botanisch aber so verschieden sind, dass sie nicht einmal derselben Familie angehören.

Der bei uns geläufige Name Rottanne stammt von der in der Jugend glatten, rotbraunen Rinde. Zur besseren Unterscheidung von der Weisstanne hat man versucht, für sie den norddeutschen Namen Fichte einzuführen. Doch hat sich dieser Name nur in Holzfachkreisen eingebürgert. Die Weisstanne, im Bewusstsein des Volkes kaum vorhanden, hat ihren Namen von der silbergrauen, glatten Rinde.

Die Verbreitung der Tanne zeigt sich in der Häufung der geographischen Namen, die Beziehung zu Tanne oder Rottanne haben. In der Schweiz sind Orts-, Berg- und Gewässerbezeichnungen wie Tann, Tanne, Tannen, Tannrüti, Tannenberg, Tannenalp und Tannenbach recht häufig. Auch die Namen der Ortschaften Guttannen, Weisstannen und Hohentannen deuten auf ein zahlreiches Vorkommen dieser Holzarten hin. In Deutschland heisst ein ganzer Gebirgszug Fichtelgebirge und die Bestockung mit fast ausschliesslich wintergrünen und dunklen Fichten und Tannen hat dem Schwarzwald seinen Namen gegeben.

Rot- und Weisstannen sind zufolge ihres immergrünen Kleides zum Weihnachtsbaum der Länder mit gemässigtem Klima geworden. Kein Mensch wird diesen schöngewachsenen, mit Kerzen besteckten und mit allerlei Schmuck behangenen Baum zur Weihnachtszeit in seiner Wohnstube missen wollen. Doch die Weihnachtsfeier ist ein junger Brauch, der erst im neunzehnten Jahrhundert allgemein wurde.

Den Zimmerleuten dient die Fichte als Aufrichtebaum, der Freude Ausdruck gebend über das gelungene Werk. Im Bernbiet stellen in der ersten Maiennacht die jungen Burschen einem oder zwei der geachtetsten Mädchen eine Tanne vor das Haus. Von je her ist die Fichte auch als Freiheitsbaum aufgerichtet worden, wo nach erkämpftem Sieg das Volk sein Fest feierte. Dieser schöne Waldbaum bleibt lange grün und hat etwas Majestätisches und Sieghaftes an sich.

Quelle:    
Unsere einheimischen Nutzhölzer von Paul Guggenbühl, Verlag Stocker-Schmid, Zürich 1980

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