Rohmaterial

Der Kirschbaum

Zwei reiche Geschenke bietet uns der Kirschbaum an: Ein Leben lang seine erfrischenden und schmackhaften Früchte und am Ende seiner Tage einen besonderen Werkstoff: das in seiner schlichten Schönheit kaum zu überbietende prachtvolle Edelholz.

Das Kirschbaumholz teilt sich deutlich in eine Kern- und eine Splintschicht. Der Spint ist schmal und von weisslichgelber Färbung. Er kann in den meisten Fällen mitverwendet werden. Das rötlich-gelbe Kernholz dunkelt unter dem Einfluss des Lichtes stark nach. Es wird immer schöner, bis es seine einmalige, von keinem anderen Holz übertroffene rotbraune Farbe erhält. Im Laufe der Jahre gleicht sich auch der Spint dem Kernholz an, so dass der Farbunterschied unauffällig wird.

Zitat von Paul Guggenbühl: «Mit seinem schneeweissen Blütenhaupt in aufgrünender Wiese ist er ein Künder der warmen und frohen Jahrenszeit. Bald hangen die Bäume voll von glänzendschwarzen und -roten Früchten. Vier Wochen beherrschen die zartschmelzenden und süssen Kirschen die Märkte. In verschwenderischer Fülle werden sie angeboten. Ach, wie leicht verderben sie ! Bald wird ihr Angebot spärlicher, und sie verschwinden ganz aus dem Handel. Sehnlich haben wir die Reife der Frucht erwartetet und wie bald müssen wir von ihrer Mundigkeit Abschied nehmen.»

Bis an die Schwelle unseres "aufgeklärten" Jahrhunderts hat sich, in etwas verblasster Form, der Glaube erhalten, dass die Bäume mit dem Schicksal des Menschen verflochten seien. Kein Wunder, dass in den Vorstellungskreis der ländlichen Bevölkerung gerade der Kirschbaum mit einbezogen wird. So begleitet er uns im Volksglauben buchstäblich von der Geburt bis zum Tode. Das erste Badewasser des neugeborenen Kindes schüttet man an einen Kirschbaum, damit das Kind schön werde. In der Sympathiemedizin werden Krankheiten auf den Baum übertragen. Damit man gesund wird, beisst man in Westfalen, rückwärtsgewandt, noch vor Sonnenaufgang und unter Anrufung des Namens Gottes, die Knospen ab. Vom Kirschbaum stammen auch die Barbarazweige, die am Barbaratag (4. Dezember) von den heiratsfähigen Mädchen abgeschnitten und ins Wasser gestellt werden. Die schlesischen Mädchen geben jedem Kirschbaumreis den Namen eines Burschen, den man sich zum Freier wünscht. Wessen Reis zuerst blüht, ist der Auserwählte. Wenn man von schwarzen Kirschen träumt, bedeutet dies Unglück, Tod und Trauer. Krieg gibt es, wenn der Kirschbaum zweimal in demselben Jahre blüht.

Quelle:
Unsere einheimischen Nutzhölzer von Paul Guggenbühl, Verlag Stocker-Schmid. Zürich 1980

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